Bosna i Hercegovina

Alles an das ich mich erinnern kann ist meine Mama, die morgens vor dem Fernseher stand, lauter drehte und sagte: “Jetzt ist Krieg.” Ich habe einen furchtbaren Schreck bekommen, weil ich Angst vor Krieg hatte und weil ich dachte, dass nun schlimme Dinge passieren werden. Aber meine Mama hat gemeint, dass nicht bei uns Krieg ist und danach habe ich nicht mehr daran gedacht, denn schon vor 20 Jahren war irgendwo auf der Welt immer Krieg.

Wie kann es sein, dass man vergessen hat, uns von Bosnien und Herzegowina zu erzählen? Wieso weiß ich vor dieser Reise nicht, wo seine Grenze anfängt und wo sie aufhört und dass das so einfach nicht ist? Wofür hat man eigentlich gekämpft, damals, wenn nun doch alles schlechter ist als zuvor? Und wer hat eigentlich Schuld? Wer wissen will, wie sinnlos Krieg ist, der muss nicht weiter als nach Bosnien fahren.

“Fucking war” sagen die, die wir treffen. Manchmal unser Alter, meistens ein bisschen jünger. Und man erfährt Brocken ihrer Geschichte, durch welche Tunnel sie geflohen sind, in welches Land sich ihre Eltern gerettet haben, in welchem Keller sie gewartet haben bis der Krieg vorbei ging. Beiläufig reden sie darüber und nicht gerne. Gerne reden sie über ihre Zukunft. Über den selbst aufgebauten Campingplatz und was sie damit für Pläne haben, über das Studium und wohin sie reisen werden. Per Anhalter oder zu Fuß. Überall hin am besten.

Ich fühle mich schuldig in Bosnien und Herzegowina, wie jemand der zum Gaffen kommt, Aventüre. Obwohl die Menschen uns mit offenen Armen empfangen und sich ihr Misstrauen stattdessen auf ihre Landsleute konzentriert. Die Bosniaken übersprayen die kyrillische Schrift auf “ihren” Straßenschildern, die serbischen Bosnier hissen derweil in der Republika Srpska eifrig die Flaggen vor jedem Haus und warten darauf, dass sie endlich irgendwo hingehören. Zu Serbien am besten.

Das Land liegt in Trümmern, auf jede erdenkliche Art und Weise. Noch immer, beinahe 20 Jahre nach dem Krieg. In Mostar hat man nur die Touristenmeile wieder aufgebaut, in einer Galerie mittendrin läuft in Dauerschleife der 9. November 1993. Der Moment, als die Stari Most, von Granaten attackiert, in die Neretva stürzt. Wir verlassen die Altstadt und laufen durch verfallene Straßenzüge, immer wieder unterbrochen durch Friedhöfe, verfolgt von bettelnden Kindern. 1955-1993. 1972-1993. 1990-1993.

Und trotz all der Grausamkeit, die dieses Land geformt hat, sollte man es am besten nicht nur auf den Krieg reduzieren. In den Dörfern überragen die blitzweißen Minarette die schäbigen Häuserreihen und fünfmal am Tag ruft von dort der Muezzin zum Gebet. Jedes mal jagt mir die Fremdartigkeit Schauer über den Rücken und ich frage mich, ob es den Muslimen auch so geht, wenn sie unsere Kirchenglocken hören. Am Straßenrand kann man Porzellanpudel kaufen. Und Gartenzwerge. Wir schwimmen mitten in einem Wasserfall, den man eher in Thailand vermuten würde. Bosnien existiert in seiner ganzen Wunderschönheit, mit seinen Kiwis und Granatäpfeln und Feigenbäumen, seinen wildfließenden Flüssen, seinen Grotten und rauen Bergketten unserer Welt hinterher.


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3 Kommentare

  1. Nadja
    Erstellt am 20. September 2012 um 08:22 | Permanent-Link

    Ich könnts immer und immer wieder lesen..so tolle Reiseberichte!

  2. Adelisa :)
    Erstellt am 3. November 2012 um 12:10 | Permanent-Link

    Dort ist es wunderschön jedes mal wenn ich zurück nach österreich kommen denke ich mir warum sind meine Eltern nicht wieder zurückgegangen !?
    Ich bin so froh das ich aus Bosnien komme!

  3. Erstellt am 6. November 2012 um 12:27 | Permanent-Link

    naja, sie hatten bestimmt ihre Gründe. Aber du hast schon ein sehr schönes Heimatland. Wenn auch politisch schwierig :-(

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