Im Februar ist das Périgord der einsamste Landstrich der Welt, so wirkt es. Der Morgendunst streut dumpfes Licht auf die gleichmäßig versprenkelten Châteaus und verpackt sie in Ansichtskarten-Stimmung. Die Kirchen mit ihren knorrigen Toren liegen gottverlassen. Die Wolken ziehen lethargisch über die spätwintergrünen Hügel, die Felder ruhen brach, die Natur hat Misteln über die Bäume verteilt, wie um zu sagen, schaut, noch lebt etwas. Alles ist unterbelichtet. Alles wartet. Und das französische Radio hat den Matt Simons-Remix in der Heavy Rotation. There‘s a place I go to, where no one knows me, it’s not lonely, it’s a necessary thing.

Selbst die Kraniche machen auf ihrem Formationsflug gen Norden hier keine Zwischenstation, durchbrechen aber immerhin mit ihren gespenstischen Grusgrus die dordognesche Stille. Man kann stundenlang fahren, ohne einer Menschenseele zu begegnen – und ist froh darüber. Denn die Straßen sind so eng und so voller Schlaglöcher, dass man bei jedem Entgegenkommenden die Luft anhält. I’m just catching and releasing, dabei weiß ich eigentlich gar nicht, wieso ich hier bin. Gerade hatte ich in einem Anfall von Verzweiflung meine Stelle gekündigt, als A., ein Engländer, mir eine Nachricht über Workaway schickte. Ob ich denn in seinem Château helfen wollte: „Maybe we even become friends.“ Arbeiten und reisen und Freunde finden, alles auf einmal, schöne neue Welt. Jetzt bin ich hier.

Vorübergehend werde ich Teil einer britischen Community, deren Mitglieder in der französischen Ödnis versuchen, weg von ihrem Britischsein zu kommen und es doch keineswegs schaffen. Mareuil klingt bei ihnen wie „Maroy“ und sie treffen sich dort jeden Sonntag im einzigen Pub, einem britischen. Man erzählt sich sein eigenes Leben und trinkt Magners dazu und Stella und die Franzosen sitzen am Nebentisch. Kultur ist tatsächlich Überforderung. Ich würde die Franzosen gerne fragen: Warum seid ihr noch hier, kann es aber nicht, weil mir mein Schulfranzösisch peinlich ist und ich es nicht schaffe, über meinen Schatten zu springen. Ich frage die Engländer, weil ich es kann: Wieso bist du hierhergekommen? Meistens bekomme ich nur ein amüsiertes Kopfschütteln zur Antwort, nein, das muss man doch nicht erklären. Vielleicht müsste ich den Sommer kennen, um sie zu verstehen.

Winterhimmelblau, frühlingshimmelblau, sommerhimmelblau, herbsthimmelblau.  Die Franzosen streichen ihre Fensterläden himmelblau, dazwischen hängen Tüllspitzengardinen. Das Wort pittoresk wurde für Orte wie Brântome, Périgeux und Champagne erfunden. 1000 Jahre Geschichte dämmern an jeder Ecke. Das alte Europa. „Every house is older than my own country,“ sagt Workaway-Kollegin B. aus Brasilien ehrfürchtig. Und wir lassen den Satz unkommentiert nachhallen, obwohl wir wissen, dass er nicht stimmt. Alles ist wie immer kompliziert. Ich bleibe aber nicht mal lange genug, um das mit dem Okzitanischen genau zu verstehen. Alter Kalkstein, Stopfleber und Muscheln. Und einer mit Baskenmütze trägt Baguettes spazieren. Nein, über Frankreich lerne ich nicht viel, was die geistlosen Bilder in meinem Kopf aufrührt.

Dafür wird Lola, das blinde Lamm, meine Routine. Fünfmal am Tag drehen sich die Monde und Sterne des Babyfläschchens in der Mikrowelle. Dann schlüpfe ich in die schlammigen Gummistiefel und in die dicke Jacke und lehne mich in den südwestfranzösischen Nieselregen. „Lola!“ rufe ich und immer öfter kommt ihre dringende Antwort aus den entlegensten Winkeln der Weide, aus denen ich sie befreie und zurück zu ihrer Herde bringe, die es zur Kenntnis nimmt, nicht mehr. Ich bin dankbar für meine fünf Sinne und atme den scharfen Rauchgeruch ein, der einen bisweilen daran erinnert, dass hier Menschen leben.

dordogne-8
dordogne-2
dordogne-10
dordogne-14
dordogne-4
dordogne-22
dordogne-16
dordogne-23
dordogne-9
dordogne-15
dordogne-18
dordogne-20
dordogne-24
dordogne-5
dordogne-7